Autor: carla van carlos Thema: ...nur ein Steinchen vorbei gerollt - Der Wanderer  (Gelesen 378 mal)

Offline carla van carlos

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...nur ein Steinchen vorbei gerollt - Der Wanderer
« am: Sonntag, 27.Nov 2016 - 13:13 Uhr »



Wenn ich sterbe, dann bitte hier.

Man kann sich den Tot nicht aussuchen. Doch sollte ich wissen, dass es mit mir zu Ende geht, dann möchte ich mich hierherschleppen und es hier beenden.
Ich möchte nicht, wenn mich einer dieser kranken infizierten anfällt, hinter irgendeiner Hausecke zu Grunde gehen.
Wenn ich schon nichts erreicht habe im Leben, so will ich doch wenigstens versuchen meinen Tod – wenigstens das – in die "Reihe" zu kriegen.

Doch ich habe so das Gefühl, dass ich ausgeraubt und mit Einschüssen durchlöchert, irgendwo im nirgendwo, verrecken werde.

Diese liebe, gute und immer von Frieden sprechende Gesellschaft ist für mich die größte Gefahr.
Nicht diese armen, kranken Umherirrenden.
Die sind nur einfältig, dumm und von ihren Trieben gesteuert. Man hört sie meistens von weitem und sie lassen sich relativ einfach einzeln töten, wenn's sein muss.

Die Menschen aber, die hier um die Hausecken schleichen, vor diesen habe ich mehr Respekt. Die sind wirklich gefährlich und schwer einzuschätzen.



Wenn ich an den Kirchen vorbeilaufe, dann muss ich immer wieder daran denken, dass diese einmal als heiliger Ort galten und selbst die Fürsten der Nacht, dort drinnen niemanden etwas antaten.

Ich glaube schon lange nicht mehr an den Herrn oder sonstige, höhere Wesen, doch den Respekt habe ich noch, dort drin, niemanden zu töten.
Leider musste ich schon oft anderes sehen. Wie in den Kirchen sinnlos rummgeballert wurde.

Der Mensch hat den Respekt vor vielem, schon lange verloren.

Ach Shimai, ich habe dich nicht vergessen.



Ich kann dich nicht vergessen und ich will es auch nicht.
Meine Arbeit, ist noch nicht getan. Erst dann und dann endlich nehme ich das Lederhalsband.



Ich habe diese kleine Insel, vor ein paar Tagen gesehen.
Ich habe mir lange überlegt und tue es immer noch, ich sollte dort rüber schwimmen oder ein Bötchen finden.
Was ist dort, wer ist dort?

Früher da war ich ein Romantiker, ein Träumer.



Da konnte ich mich an solchen Orten nicht satt sehen und musste lange verweilen.
Jetzt bin ich kalt wie ein Stein. (Bin ich das?)

Ich liebte das Autofahren. Ich war verrückt danach. Schon mit sechs Jahren habe ich mich gedrängt, dass ich lenken durfte.
Dem "Stein" sind die Tränen in die Augen geschossen als ich den alten NSU sah. 'War mein erstes Auto, dass ich fuhr über eine alte, staubige Steinstrasse.



Scheiße Mann! Steh ich da vor 'nem kaputten, verrosteten Wagen. Vor meinem kaputten Leben. Einer kaputten Zukunft.
Am liebsten nehme ich das Lederband jetzt gleich ab und gebe mir die Kugel ...der Erlösung.
Bade im dreckigen Wasser, laufe in stinkigen Kleidern rum und lebe wie ein Tier draussen.

Und das Töten ist schon ganz normal geworden.
Und dann nach Wochen taucht plötzlich einer auf, vor mir.
Mustert mich, scannt mich, überlegt sich, ob er mich nicht gleich töten soll.
Ein paar belanglose Worte werden ausgetauscht und er zieht weiter.

Ist das der Sinn des Lebens?
Muss ich dafür tagelang nach Essen und Trinken suchen? Muss ich dafür in einem Tümpel meinen klebrigen Schweiß vom Körper waschen?

Vielleicht habe ich ihn oder diejenigen übersehen und sie waren schon unter den Toten oder unerreichbar weit, weit weg.
Soll ich wirklich den oder die Peiniger meiner kleinen Shimai noch suchen?

Am liebsten gehe ich jetzt gleich zurück zu diesem Ort und töte mich.



Das Atmen fällt mir schwer. Mein Gesicht und Körper entstellt. Ich bin müde und allein.

Und wenn man mal einen Menschen trifft, ist es als wäre nur ein Steinchen vorbei gerollt. Unsagbar, unwichtig, auch noch gefährlich.

Als meine liebe Ehefrau angefallen wurde und sie sterben musste, da war ich machtlos und musste es so hinnehmen. Ich verspürte keine Wut, nur Trauer.

Als jedoch ein Mensch, ein denkender, zurechnungsfähiger keiner dieser armseligen, leblosen Hüllen über meine kleine Tochter, das letzte was mir noch blieb, herfiel und sie in diesem qualhaften, dreckigen Tot brachte, da war dann noch etwas, ausser Trauer.
Hass, Hass und unsagbare Wut. Die mich zwingt weiter zu Laufen.



Selbst in diesem stinkigen, verwesten Haufen, habe ich mir jeden Einzelnen genau angeschaut, ob er die Halskette meiner Kleinen trägt.



Wir sind schon bald ausgerottet. Aber wir bekämpfen uns immer noch. Früher da hatte ich schon den meisten misstraut. Aber jetzt misstraue ich jedem. Manchmal habe ich das Gefühl verrückt zu werden und am liebsten würde ich eine riesen mega Bombe in alles hier hineinschmeißen. Doch dazu habe ich nicht die Macht. Ich sitze nur hier und kann mich bemitleiden.

Wenn ich den Mörder meiner Tochter, meiner allerliebsten, kleinen Tochter, finden werde dann werde ich meinen ganzen Frust meine ganze Traurigkeit an ihm auslassen. Er wird Qualen erleiden die noch in keinem Horrorfilm zu sehen waren. Und erst dann, dann werde ich glücklich sein.

Ja, das stelle ich mir so vor. Doch wahrscheinlich wird es ganz anders ausgehen. Vielleicht werde ich derjenige sein, der am Boden liegen und sterben wird.

Ich muss wirklich aufpassen, dass ich nicht verrückt werde. Wenn ich schon weitermache, dann brauche ich einen klaren Kopf.

Ich bin so müde. Des Lebens so müde.